Medizinische Systeme in China
Als Europäer ist man von der schillernden Welt der Traditionellen Chinesischen Medizin (TCM) geblendet. Die Entwicklung der chinesischen Medizinsysteme kurz abzuhandeln, ist unmöglich, aber ein kurzer Blick in die Geschichte dieser Medizinform ist unbedingt notwendig. Nur so gelingt dem Anhänger sachlich-westlicher Medizin ein erster Brückenschlag in die nur scheinbar blumige therapeutische Welt der chinesischen Medizin (TCM).
Ahnenheilkunde: In der Frühzeit war die chinesische Medizin von einer Ahnenheilkunde geprägt, die in die Zeit der Shang-Dynastie (2. vorchristliches Jahrtausend) einzuordnen ist. Überlebt hat aus dieser Zeit noch ein Krankheitsverständnis, das einerseits durch Beziehungen zwischen den Lebenden und den Toten geprägt, andererseits aber auch durch Wissen über die natürliche Beeinflussung von Leben und Krankheit bestimmt ist.
Dämonenheilkunde: Historisch folgte der Ahnenheilkunde in der Chou-Zeit (1. vorchristliches Jahrtausend) die Dämonenheilkunde. Diese Heilkunde stelle ein Netzwerk dar, welches von feindseligen, dämonischen Angriffen geprägt war. Dämonen waren böswillige Geister, die den Körper der Erkrankten heimsuchten. Folgerichtig musste man sich magischer Elemente bedienen und diese Dämonen aus- bzw. vertreiben. Es wurden Amulette/Talismane (Fu) oder Siegel (Yin) als Vertreiber eingesetzt. Daneben gab es Bannsprüche, Besprechungsformeln und auch Arzneimittel in Form von chinesischen Kräutern.
Konfuzianisches Konzept der systematischen Entsprechungen: Fast parallel zur Dämonenheilkunde entwickelte sich das durch die Lehren des Konfuzius (551-479 v. Chr.) beeinflusste Heilkonkonzept der systematischen Entsprechungen. Es war wiederum eine magisch geprägte Medizin, die sich jedoch nicht mehr auf Personen (also Dämonen) konzentrierte, sondern auf natürliche Entsprechungselemente und aussagekräftigere Symbole abzielte. Ein typisches Beispiel für dieses Konzept ist die sog. Yin-Yang-Lehre. Dabei bedeutet Yin die ‘Schattenseite des Hügels’, Yang hingegen dessen ‘Sonnenseite’. Das System wurde erweitert und symbolisiert.
So entsprach Yin
- der Dunkelheit, dem weiblichen Prinzip, Kälte, Regen und Feuchtigkeit.
Yang wiederum stand für
- Sonnenschein, dem männlichen Prinzip, dem Sommer oder der Hitze.
Fünf-Handlungsphasen-Lehre: Etwa 300 Jahre vor Christus entstand diese von Tsou Yen geschaffene Lehre. Dabei wurden konkrete Orientierungsele-mente in Form von Naturphänomenen (Wasser, Erde, Feuer, Holz, Metall) festgelegt, die in einem Geflecht von 16 Wandlungs- bzw. Überwindungsbeziehungen standen. So überwand Erde angeblich Wasser, Wasser hingegen Feuer und Metall überwand Holz. Aus Feuer konnte Asche/Erde und aus Holz wiederum Feuer entstehen. Hier gibt es Überschneidungen zur indischen Ayurveda und zur griechischen und römischen Medizin. Zwischen diesen Kulturkreisen bestand u.a. über die Seidenstraße jahrhundertelang ein Austausch medizinischen Wissens.
Taoismus: Nicht unerwähnt bleiben darf der Taoismus, der in der Anfangsphase des Konfuzianismus ein alternatives philosophisches Modell darstellte. Der religiöse Zweig des Taoismus stand mit dem philosophischen Bereich (Mystik, Quietismus, Körperübungen) und dem naturphilosophisch orientierten Bereich (Yin/Yang, 5 Elemente-Lehre, Wandlung Yi-Jing) in Beziehung. Der Taoismus war auf Langlebigkeit des Menschen ausgerichtet, was nicht nur zufällig an die ayurvedische Lehre vom langen Leben erinnert.
Akupunktur: Auf die vermutlich ebenfalls in vorchristliche Zeit (nämlich das 5. vorchristliche Jahrhundert) zu datierende Lehre, die nur im Westen einen erheblichen Teil der sog. ‘traditionellen chinesischen Medizin (TCM)‘ zu verkörpern scheint, kann hier aus Platzgründen nicht eingegangen werden, zumal es sich um eine invasive bzw. technische Therapie handelt, die mit der Einnahme von Arzneien nichts gemein hat. Bemerkenswert ist jedoch die sog. Moxibustion, bei der Heilkräuter auf bestimmten Akupunkturpunkten verbrannt wurden. Die Einstiche orientierten sich primär am Sitz vermuteter böser Geister: ‘Dämonenherz’, ‘Dämonenhalle’, ‘Dämonenlage’ oder ‘Dämonenweg’.